Erschrecken ist das beste Mittel gegen Schluckauf!?

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Herr Graber verlangt in der Apotheke ein Mittel gegen Schluckauf. Der Apotheker gibt ihm eine Ohrfeige und sagt: »Entschuldigen Sie, aber das ist das beste Mittel. Sehen Sie, Ihr Schluckauf ist weg.«

»Kunststück«, erwidert Herr Graber, »den Schluckauf hat ja meine Frau!«

Nun gut, über Schluckauf macht man keine Witze. Braucht man auch gar nicht, denn Schluckauf ist lustig genug. Auf jeden Fall für die anderen, die ihn nicht haben. Krampfartige Anspannungen des Zwerchfells führen beim Singultus, so heißt der Schluckauf in der Fachsprache, zum ruckartigen Einatmen. Bei fast geschlossener Stimmritze kommt es dann zu lauten Geräuschen, die in unpassenden Momenten für Belustigung sorgen. Da der Schluckauf aber nicht nur zu peinlichen Situationen führen kann, sondern durchaus auch unangenehm ist, möchte der Betroffene ihn meistens so schnell wie möglich wieder loswerden. Aber was hilft nun wirklich dagegen? Ist es die Ohrfeige oder der Schreck, den man eingejagt bekommt? Oder hilft das häufig empfohlene Luftanhalten?

Ist die Kiemenatmung schuld?

Warum haben wir überhaupt Schluckauf? Die meisten Körperfunktionen haben ja durchaus einen speziellen Sinn, aber wofür ist das Hicksen gut?

Blicken wir einmal in die Tierwelt: Amphibien und Lungenfische – das sind Fische, die sowohl Kiemen haben als auch eine Lunge – spritzen mit dem Mund Wasser über ihre Kiemen. Dabei schließen sie ihre Stimmritze, damit keine Flüssigkeit in die Lungen fließen kann. Genau diese Art von Bewegung ist es, die wir Menschen beim Hicksen auch beobachten können. Und zwar schon lange vor der Geburt! Bereits im Mutterleib haben Ungeborene Schluckauf. Die Gehirnfunktion, die bei Amphibien und Lungenfischen die Kiemenatmung kontrolliert, ist also wahrscheinlich auch noch beim Menschen vorhanden.

GAR NICHT REIZVOLL: DAS GEREIZTE ZWERCHFELL

Nun besitzen wir ja keine Kiemen mehr und spucken, anders als Lungenfische, auch nur selten Wasser durch die Gegend. Warum hält sich also der evolutionäre Schluckauf-Reflex so hartnäckig im Menschen? Wissenschaftler haben darauf noch keine sichere Antwort finden können. Einige Forscher gehen davon aus, dass die Babys im Mutterleib den Schluckauf nutzen, um die Atemmuskeln zu trainieren. Das ist besonders praktisch, da die Stimmritze beim Hicksen geschlossen ist und dadurch kein Fruchtwasser in die Lunge fließen kann.

Wenn der Nerv gereizt ist, bekommt man Schluckauf

Medizinisch gesichert ist allerdings, dass eine Reizung des Zwerchfells einen Schluckauf auslösen kann. Das Zwerchfell ist die Muskelplatte, die den Brustraum vom Bauchraum trennt. Mithilfe des Zwerchfells atmen wir. Wenn es sich senkt, atmen wir ein, hebt es sich, kommt es zur Ausatmung. Wenn nun der Nerv, der das Zwerchfell steuert, oder der Zwerchfellmuskel selber gereizt wird, kann es zu den bekannten krampfartigen Zuckungen kommen – der Mensch hat Schluckauf.

Der Hicks-Reflex aus dem Stammhirn lässt sich nicht bewusst unterdrücken. Interessanterweise lassen sich aber sowohl die Kiemenbelüftung bei Kaulquappen als auch die Schluckaufbewegungen durch eine Erhöhung des Kohlendioxidgehalts im Wasser beziehungsweise in der Atemluft hemmen. Wäre das eine Möglichkeit, dem Schluckauf zu begegnen?

Mit Kohlensäure gegen den großen Hickser

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eine Erhöhung des Kohlendioxid (CO2)-Gehaltes im menschlichen Blut einen Schluckauf beenden kann. Aber wie kann man seinen Blut-Kohlensäuregehalt
steigern? Ganz einfach: wie die hysterischen Frauen aus Hollywood.

Sie kennen bestimmt die Szenen aus vielen Hollywood-Filmen, in denen die Diva aufgeregt in eine Tüte atmen muss. Die Krankheit, die hier filmisch umgesetzt wird, ist das sogenannte Hyperventilationssyndrom. Durch zu schnelles Atmen verliert der Körper nämlich Kohlendioxid, und es setzt ein Gefühl der Atemnot ein. Muskeln können verkrampfen, und es wird einem schwarz vor Augen. Die einfache Therapie: Das Kohlendioxid, das man zu viel ausatmet, einfach in eine Tüte pusten und wieder einatmen. Dadurch steigt der CO2-Gehalt des Blutes, und die Hyperventilation wird unterbrochen.

In eine Tüte atmen kann helfen

Ähnlich kann man beim Schluckauf verfahren: Langsam in eine Tüte atmen und die ausgestoßene Luft einfach wieder einatmen. Eine halbe Minute ist in der Regel ausreichend, dann sollte der Schluckauf normalerweise verschwunden sein.

Andere Hausmittel gegen das Hicksen zielen eher auf eine Reizung des Vagus-Nervs ab. Dieser Teil des vegetativen Nervensystems ist für die Ruhe-Reaktion im Körper verantwortlich. Und er steuert die Zwerchfellbewegung. Eine Reizung kann in der Tat auch bei Schluckauf Linderung bringen. Viele Menschen schwören auf Vagus-Hausmittel (siehe Kasten oben). Wissenschaftlich bewiesen ist eine Wirkung aber in der Tat nur bei einer Erhöhung des CO2-Gehaltes durch die Tütenatmung.

Übrigens: Wenn man sehr häufig Schluckauf hat oder das Hicksen
gar nicht mehr aufhört, sollte man zum Arzt gehen. Es können auch ernsthafte Erkrankungen hinter dieser Störung stecken.

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Lachen ist die beste Medizin - nicht nur für die Seele, sonden auch für unseren Körper. Wusstet ihr, dass Lachen beispielsweise die Funktion unseres Immunsystems verbessern kann? Ich bin Dr. Carsten Lekutat, der Moderator von "Hauptsache Gesund" im MDR Fernsehen. Geboren wurde ich 1971 in Berlin. Dort absolvierte ich auch das Studium der Humanmedizin und machte meine Facharztausbildung. Im Jahr 2000 gründete ich meine eigene Praxis, die zur akademischen Lehrpraxis der Charité Berlin wurde. Wenn ich mich ausnahmsweise einmal nicht um meine Patienten kümmere, dann stehe ich als Fernseharzt vor der Kamera. Mein Weg in die Medien begann 2001 mit diversen Expertenauftritten und Kurzdokumentationen zu verschiedenen medizinischen und wissenschaftlichen Themen bei Sat.1. Ich war "Der Gesundmacher" im WDR-Fernsehen und bin seit 2015 der Moderator der Sendung "Hauptsache Gesund" im MDR. Ausserdem bin ich auch auf den Bühnen Deutschlands mit meinem Programm "Wie Kekse Ihr Leben retten können" unterwegs.